Texte

Unfreiwillige Poetik

Lieber M.,

du hast mich gebeten, dir zu erzählen, wie Schreiben mit Kindern geht. Sagtest, du würdest das gern lesen. Das gibt mir den Grund, es dir zu erzählen. Danke für dein Interesse, es hat einen Zustand zum Gegenstand meiner Aufmerksamkeit gemacht, so dass ich ihn betrachten kann. Vorsichtshalber sehe ich in dir meinen idealen Leser. Jemand, der Struktur und Gefühl auseinanderhalten kann und sich nicht daran stört, wenn beides zusammenfällt.
Seinen Zustand als Gegenstand zu betrachten ist eine zweischneidige Geschichte. Es leuchtet nicht nur die Höhle aus, sondern auch den, der sieht. Einiges mag dir bekannt vorkommen. Das liegt daran, dass ich nichts Ungewöhnliches am Schreiben mit Kindern erkennen kann, nur Außergewöhnliches. Besonderheiten, erzwungene Spontanitäten, Überforderungen, Ermüdungserscheinungen und Ängste. Doch der Reihe nach.
Wir beide wissen, dass man als Schriftsteller sein Leben doppelt führt. Man geht den Anforderungen des Alltags nur nach, um schreiben zu können. Man hält ihn aufrecht, tritt aus ihm und schreibt. Mit Kindern rutscht das Schreiben in den Alltag zurück. Die mühsam arrangierte Doppelhelix unterläuft sich. Am Kopf des Tisches sitzen jetzt die Kinder, sie bestimmen die Rituale, verfügen über die Zeit und steuern die Aufmerksamkeit. Es gilt für sie zu sorgen, von Geburt an für den Rest des Lebens. Das sind keine Romanfiguren, die man als Fragment in der Schublade verschwinden lassen kann.
Zwar lässt sich das Schreiben weiterhin aufrecht halten. Aber das Gefühl dafür ist weg. Es verfliegt, weil es keine Zeit mehr gibt, es zu entwickeln. Keine Rituale, kein Bewusstsein einer Selbstwirksamkeit, die einen begleitet wie der Autor seinen Erzähler. Eher die Durchreiche zwischen Küche und Esstisch. Ich weiß, was ich tue, wenn ich schreibe. Mit den Kindern tue ich es nur noch.

Eigentlich arbeite ich konzentrisch. Von einem Punkt ausgehend formt das Schreiben Kreise ähnlich der Bewegung des Wassers um einen Stein, der hineingefallen ist. Umgekehrt wird der Punkt, zu dem ich gelangen will, eingekreist. Aber immer häufiger zerstreut es sich, setze ich etwas aus Fundstücken zusammen, die nicht mehr als Splitter sind. Schreiben kann bedeuten, man tritt in Abstand zur Welt und findet bei klarer Sicht Abstraktionen heraus. Nur kann ich nicht mehr zur Welt auf Abstand gehen, um die Wörter zu betrachten, die für die Tatsachen stehen, denn ich muss sie permanent gebrauchen und in ihnen handeln. Ich sehe sie an wie etwas, zu dem ich nicht gelangen kann, ich komme kaum noch dazu, sie als Rohstoff wahrzunehmen geschweige denn in ihrer Geschichte. Sie müssen geläufig bleiben, sonst funktioniert der Alltag nicht. Das episodische Gedächtnis wie auch das Handlungsgedächtnis wächst, alles andere wird schwächer. Erinnern wird mühsam, die eigene Kindheit verschwindet. An ihre Stelle tritt eine andere, die der Kinder, die gegenwärtig ist. Für das Denken bedeutet das: kein Nachsinnen, eher Vorausschau. So entstehen Texte, aber ich bin ihnen nicht nah.

Früher war meine Wahrnehmung so unbegrenzt, dass sie das Schreiben auch behindert hat, weil es bei aller Offenheit kein Nadelöhr mehr gab, durch das die Sprache ging. Die Frage nach dem Kanal stellt sich nicht mehr, wenn es allein darum geht, ihn aufrechtzuerhalten. Als müsse ich ständig durch den süßen Brei, der meine Sinne verklebt. Wer kommt nachhause und sagt „Töpfchen steh still“? Meine Kinder sind die, die das Zauberwort kennen, das ich so brauche. Ich kann mich kaum beherrschen, sie aber bestimmen Zeit und Dauer. Vieles, was vorher freiwillig war, ist nun in seiner Unfreiwilligkeit derart strukturiert, dass man dessen Poetik nicht entrinnt. Eine Poetik aus der Not heraus nicht anders zu können, eine Haltebucht, eine Durchhalteparole, bis wieder bessere Bedingungen sind.

Mir brechen die Sätze ab. Mitten im Satz. Die gesamte zweite Wirklichkeit bricht einfach weg. Für Momente habe ich keinen aktiven Zugriff auf meine Sprache mehr, auf das ganze innere Register im Sinne Jakobsons. Ich kann mich nicht mal mehr an meine Gedanken erinnern und dabei braucht es eine winzige Zeitspanne an Verzögerung, um Gedachtes in Schrift zu überführen. Aufgeschrieben bedeutet doch, etwas ist schon gedacht. Immer ist es dieser Moment der Vorausschau, der auf einmal fehlt. Man erkennt es daran, dass ich meine Sätze nicht zu Ende führe oder Wörter in ihnen fehlen, die bestimmende Satzglieder sind. Die Zeitspanne für konzises Denken ist häufig zu kurz für einen komplexen Satz. Auch ohne Unterbrechung höre ich immer wieder mit dem Denken auf, störe mich selbst, muss mittlerweile damit arbeiten, mich gestört zu fühlen.
Es gibt Ein- und Ausschreibphasen. Man denkt ans Schreiben, bevor man es tatsächlich tut. Man sucht sich seinen Platz, liest sich ein, bereitet sich vor. Wartet auf den Ton im Kopf. Setzt dann erst an. Zwischendurch hält man inne, denn der Schreibprozess ist selbstwirksam, Gedankengänge brechen nicht einfach ab. Etwas schwappt immer nach.
Das ist vorbei. Ich breche immer ab. Die Schreibphase endet abrupt, unterbricht den Gedankengang, als führe sich die Maschine hoch, nur um kurz darauf abgestellt zu werden. Schön wäre es, jeden Tag etwas zu schreiben, das hält geschmeidig. Mit Kindern geht das nicht, tagelang nicht. Schrecken sie nachts aus dem Schlaf, bin ich wach. Rufen sie, hört jegliche Arbeit sofort auf. Sind sie krank, auch. Denke ich auch nur ans Schreiben und sie rufen nach mir, hört auch das sofort auf. Ständig Störgeräusche. Liegen in der Luft. Richten mich ab. Dass ich mich verhöre. Mich selbst nicht mehr höre. Was ich sage, ist egal.

Man gewöhnt sich daran. Man lernt sogar dazu. Ich sortiere dorthin, dahin, für später, für irgendwann. Immer ist es ein Irgend, niemals mehr etwas Bestimmtes. Langwellige Arbeitsphasen gibt es nicht. Ich lege mir überall Platzhalter an. Abschweifen gelingt kaum. Ich lerne auch darin mich im Verzicht zu üben. Das ist von Vorteil, wenn man seine Darlings killt. Ich kann, weil es bedeutungslos geworden ist, stets ins Schreiben zurückkehren, an welchem Ort, mit welchem Gerät auch immer. Nur besitzt es keine Ästhetik mehr. Die Notizfunktion des Handys ist nicht schön. Ich kann zudem leicht Zusammenhänge wechseln und ohne Umstände an einer ganz anderen Stelle, mit einem anderen Text weitermachen. Ich notiere ohne zu entwickeln, nur um festzuhalten. Demzufolge fehlen die Verknüpfungen und ich muss als spätere Arbeit mehrere Notate zusammenfassen. Dadurch kann aber auch zusammenkommen, was vorher nicht gedacht worden ist.
Die Fäden, die das Denken herstellt, verknüpfen sich anders. Kausalität folgt anderen Ursachen. Sinnhaft wird, Dinge wiederzufinden oder Tagesabläufe im Voraus zu kennen, so dass sie geräuschlos ablaufen. Den Tag in seiner Mosaikstruktur zu begreifen und ihn vorherzusehen, das Bild in Gänze zu entwickeln und es dann nach und nach im Laufe seiner zeitlichen Struktur zusammensetzen. Ich plane den Tag und dann führe ich ihn aus, damit es klappt wie am Schnürchen. Schnurrrad. Ich lerne spinnen. Ich laufe alles in Gedanken ab, von Punkt zu Punkt, und so wie die Gedächtnisweltmeister sich Inhalte an imaginierte Wegstrecken ablegen, lege ich Handlungen ab. Ich fahre die Kinder auch im Kopf. Ich bin nie ganz bei mir, meine Umrisse liegen in ihnen. Mein Aufmerksamkeitsspeicher ist von Anfang an voll.
Es sind zwei Wirklichkeiten, die stets einander überfallen. Ich kann nie in beiden sein und die Spurwechsel knirschen. Es gibt keine Gleitzeit, nie. Alles ist mühsam ausbalanciert und fragil. Jeder neue Gedanke bringt das Gefüge ins Wanken. Etwas nimmt den Platz für etwas anderes ein, weil es nicht genug Raum für Gleichzeitigkeit gibt. Alle paar Monate vergesse ich für ein paar Tage meine Geheimnummer, dafür fällt mir etwas ein.

Es gibt mich kaum noch.
Ich nehme mir nichts vor.
Ich arbeite ab.
Ich denke nicht mehr nach.
Ich bin nie aufnahmebereit.
Ich bin nicht mehr genau.
Ich schreibe alles auf einmal.
Ich spule ab.
Ich hetze da durch.
Ich hetze mich ab.
Ich höre immer zu früh auf.
Ob das für das Schreiben von Vorteil ist?
Es sieht nach erhöhter Produktivität aus und ist doch nur Reflex.
Die vorsortierten Punkte abgrasen.
Das Übersehene einsammeln und in neue Zusammenhänge setzen.
Fetzen und Flicken verknüpfen: Flickenteppich statt Teppichtibet.
Auch eine Art um die Ecke zu denken.
Ich laiche Worte ab, die sich um sich selbst zu kümmern haben.
Ich halte nur sehr kurze Enden in der Hand für sehr wenige Verknüpfungen.
Ich bin gut organisiert sagen andere.
Das Schreiben bleibt unauffällig, ich strahle es kaum aus.
Andere nennen das unkompliziert.
Eigentlich hintergehe ich meinen Beruf.

Meine Sinne sind gedämpft, meine Aufmerksamkeit gering. Gedanken kommen nur langsam voran. Die Bewusstseinsschwelle ist dadurch allerdings nicht mehr so hoch, dass Reflexion sofort eingreift und die Wahrnehmung verzerrt. Die Dämme sind niedrig wegen der pausenlosen Tätigkeit, so bricht eins ins andere fraglos ein. Ex negativo kommen die Ideen, übersteigen die aus der Erschöpfung heraus niedrige Aufmerksamkeit. Auf seltsame Weise dringt auch der zersetzende Zweifel nicht mehr so einfach durch. Ideen werden wahllos. Gibt es dadurch mehr Zufälle? Frag mich besser nicht, woher die Ideen kommen, sondern wie.
Ich bin pragmatisch geworden. Ich habe Dinge zu Ende gebracht, Bücher zu Ende geschrieben, die mir davor ins Fragment entglitten waren. Sie quasi auf den Boden der Tatsachen geholt, weil die Kinder mich dort ebenfalls halten. Keine Metaphysik, die Welt hängt in Tatsachen zusammen.
Es ist eine andere Schreibkompetenz, flüchtiger, über die ich nicht nachdenke. Deswegen kommt mir auch das Reden darüber wie eine sinnlose rhetorische Geste vor, wenn man doch nur die Zeit hat, den Text zu schreiben, sonst nichts. Auch das mag damit zusammenhängen, dass mir das Gefühl der Selbstwirksamkeit völlig abhanden gekommen ist. Ich kann daran nichts Schlechtes erkennen. Ist es denn so schlimm, wenn man zu müde für sein eigenes Lamento ist?

Seit sechs Jahren sorge ich für meine Kinder. Ich habe in der Zeit vier Bücher geschrieben. Ich gewöhne mich ständig neu. Ich habe nie Zeit mich an etwas Neues zu gewöhnen, es wird immer von mir eingefordert. Ich habe diese Anpassungsleistung schon ein paar Mal hinter mich gebracht. Ich tue nichts mehr freiwillig. Ich telefoniere kaum noch. Ich schreibe niemandem mehr. Mein Aufmerksamkeitsspeicher ist jeden Tag voll. Ich bin äußerst gut darin Dinge wiederzufinden. Ich kann Handlungen und Tätigkeiten wie Puzzleteile aneinanderfügen und trotz vergehender Zeit miteinander verbinden. Ich erinnere mich nicht mehr an das, was ich tue. Ich bin sentimental. Vor allem sentimental. Und müde. Ich bin gefühlsarm. Ich bin erschöpftes Gefühl. Ich will nichts von Bedeutung sagen. Ich mache nur. Ich will meine Kinder groß ziehen. Lasst mich in Ruhe. Ich bin permanent unzufrieden. Glaub mir nichts. Ich widerspreche mir ständig. Ich halte diese Widersprüche aus. Ich will eigentlich gar nicht reden. Schreiben ist nichts Besonderes mehr. Ich bin in allem unzuverlässig, nur in der Versorgung der Kinder nicht. Ich brauche wenig zum Leben. Meine Hauptaufgabe ist, dass der Wille nicht erlahmt.
Ich bin schnell geworden, sehr sogar. Ich treibe alle Ideen gleichzeitig voran, denn die Störgeräusche haben mich gelehrt, stets woanders weiterzumachen. Ich hüpfe und bin das Sammeltaxi für das was bisher gewartet hat, ich bin das Später und die Spur dahin. Ich sammle alles ein, was wartet, ich bin die geschwungene Bowlingkugel und räume die Bahn ab, ich werfe die Güter auf den Pick up. Wohin es geht, ist nebensächlich. Sammle ein, was du gefunden hast. Für ein späteres Wofür. Ich kümmere mich nicht mehr um die Spur, die es legt. Ich bin, was die Spur hinterlässt, ein perpetuum mobile, der Topf die Mutter das Kind und der süße Brei, in permanenter Wiederholung. Ich breche ab, nehme auf, fahre fort, bin der Moment, in dem Vergangenheit und Zukunft sich zum Punkt verdichten und abdriften, die reine Gegenwart, vollkommen gegenstandslos, gleichgültig gegenüber dem was entsteht; ich bin die Struktur, die sich selbst nicht sieht, ich mache Wörter wie ein Regenwurm sich fressend durch die Erde schiebt. Und meine einzige Aufgabe ist dass der Wille nicht erlahmt.
Ich bin kein Puzzletyp, also ist diese unfreiwillige Poetik auch nichts für mich. Ich halte immens am Schreiben fest, aber ohne das Schreiben wäre nur das Schreiben vergebens. Es ist mir nicht völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Ich bin Stückwerk gewohnt.

Unfreiwillige Poetik. erstmals in: poetin nr. 25, Leipzig 2018