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Anküssen

"Neulich ist mir ein Wort begegnet, über das ich sprechen muss. Jemand sagte öffentlich: „Wenn mich in der Nachbarschaft ein Neger anküsst oder anhustet, dann muss ich wissen, ist er krank oder ist er nicht krank.“

Ich meine jetzt nicht das Wort „Neger“, das einen sofort aufschrecken lässt, ich meine das kleine Wort „anküsst“. Eigentlich ein schönes Wort, vorausgesetzt man geht vom Küssen aus. Hier aber steht es grammatisch wie syntaktisch in direktem Zusammenhang zu „anhusten“.

„Anhusten“ jedoch ist etwas, das man nicht tut, so bringt man es auch den Kindern bei. Denn: Hustet man jemanden an, dann steckt man ihn möglicherweise auch an.

Wir sehen also, was die kleine Vorsilbe „an“ dem Küssen antut:

Küsst man sich, dann freiwillig und gern. Küsst man jemanden an, schadet man ihm. Aus einer Geste der Liebe wird eine Gefährdung anderer.

Eigentlich nicht vorstellbar, aber die Sprache lässt es zu und gibt zu denken, was eigentlich damit gemeint ist: Eine vage unvorhersehbare Bedrohung, die nur von einer Gruppe von Menschen ausgeht, den Geflüchteten. Geflüchtete halten sich nicht an die Grundregeln der Höflichkeit oder der Hygiene, husten und küssen plötzlich oder vorsätzlich alle an, die sich dem nicht widersetzen können, und machen sie krank.

„Anküssen“ deutet dabei sogar die Möglichkeit von Zwang an und lässt den Geflüchteten in der Vorstellung männlich sein.
Das hat Auswirkungen auf die Gefühle, die die Sprache erweckt. Was grammatisch richtig ist, wird denkbar und damit auch fühlbar.

„Anküssen“ ist auch deshalb perfide, weil die Grundbedeutung von „Liebe“ zwar erhalten bleibt, aber gefährdet erscheint. Zurück bleibt das Gefühl, das unsere Liebesfähigkeit bedroht wird. Die Bedrohung ist einerseits vage, da sie mit unsichtbaren Krankheitserregern verbunden wird, andererseits wird sie konkret nur einer Gruppe von Menschen angelastet, den Geflüchteten.

Es gibt Wörter, die uns sofort in Alarmbereitschaft versetzen, und es gibt Wörter, die sofort irgendwie verständlich sind, ohne dass wir sie vorher gebrauchten. Diese Wörter kommen leise daher, sie fordern den Verstand nicht durch Komplexität oder Abstraktheit, sondern rufen Gefühle hervor. Sie machen es einem leicht, sie zu verwenden, sie gehen über ins allgemeine Verständnis und ändern den Blick. Wer weiß, wozu die kleine Silbe an noch in der Lage ist. Diejenigen, die sie bereits anders als gewohnt einsetzen, wissen sich schon mit ihr zu helfen, und mehr braucht es nicht für die Verstrickungen, die das Sprachgefühl unterirdisch vergröbern, bis es kippt, und wenn wir nicht aufpassen, merken wir den Kippmoment nicht.

Lieber mit Wladimir Majakowski ans Küssen denken, denn mit der Erklärung allein ist es nicht getan, wir müssen die Muster verteidigen, nach denen wir denken, und Lyrik scheint mir ein gutes Gegengift zu sein:

Allmächtiger,
du dachtest zwei Hände aus
und versahst mit dem Kopf
des Leibes Gerüst –
warum machtest du nicht,
daß man ohne Graus
küßt, küßt,küßt?

(aus „Wolke in Hose“ Übersetzung: A. E. Thoß)

Anküssen.

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