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Etwas zu Gespür für Licht

25.01.2019

Ich ging immer davon aus, dass Gedichte Zustand sind und das Leseverhalten gibt mir Recht. Man liest Gedichte nicht nacheinander. Jedes steht für sich und ist manchmal außergewöhnlich. Darum sind Gedichtbände auch wie Anthologien strukturiert.
Aber Denken und Sprechen geschehen fortlaufend. Der Moment, in dem wir etwas aussprechen, schafft einen Bezugspunkt in der Gegenwart, von dem aus wir den Bogen spannen in Vergangenheit und Zukunft. Jedes Zeichen fußt auf einem anderen bzw. geht ihm voraus, kann Symbol sein für Zukünftiges oder Spur von Vergangenem. Eine Spur temporalisiert den vorübergehenden und verschwindenden Eindruck, den die Dinge im Bewusstsein hinterlassen.
Auch Dichtung kann Handlung hervorbringen. Was in der Prosa selbstverständlich ist, erscheint für die Lyrik nur ungewohnt. Man kann Gedichte nacheinander lesen und im Zusammenhang als Teil einer fortlaufenden Erzählung erfahren. Man ist es nur nicht gewohnt.
Gespür für Licht folgt dem Verlauf des Jahres. Das reicht an Handlung. Die Gedichte gehen einander voraus oder schließen an. Der Band kennt keine Einzeltitel, keine Seite steht für sich. Verzicht auf sprachliche Mittel, wenn sie nur dazu dienen ein Gedicht wie ein Gedicht aussehen zu lassen. Verzicht auf Kleinschreibung, so wenig Zeilensprünge wie möglich. Der Vers endet wo die Zeile aufhört bzw. wird vieles wieder auf eine Zeile gehoben. Weniger Metaphern, dafür das Ausloten des metonymischen Zwischenraums. Sprache in gebundener Form, ohne den mechanischen Zwang, alles bedeutsam zu machen. Sprache, die sich nicht nur selbst organisiert und bespricht, sondern Zustand und Episode miteinander verbindet und zu Teilen einer großen Atem holenden Erzählung macht.
Mit interessiert, wie kommt Erfahrung ins Gedicht? Erfahrung ist das, was mit den Jahren kommt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass letzte Dinge eher ihren Eingang ins Gedicht finden als erste. Vielleicht weil der Tod als Zustand dem Gedicht in seiner endlosen Starrheit nahekommt. Aber vielleicht erscheint einem die Aufbietung sämtlicher zur Verfügung stehender sprachlicher Mittel angesichts des Todes nur rechtmäßiger. Wertvoller sind sie darum nicht. Daher das Motiv der Geburt als übergeordnetes Element.
Ich vermute, dass es eine Neigung zwischen der Welt und den Worten gibt und Erfahrungen unvertauschbar sind. Wenn man denkt, dass Wahrheit nur ein Wort ist, kann man nicht mehr wissen, wie wahr es ist. Nur über unsere Wahrnehmung offenbart, was geschehen ist, auch wofür es geschieht. Darum bleiben die Gedichte gebunden an ein Ich, als der Standpunkt, von dem aus die Wahrnehmung beginnt und das Sprechen einsetzt. Ich jetzt und hier. Und wie das Jetzt und Hier im Verlauf nicht mehr nur Zustand ist und das Ich an Erfahrung gewinnt und es so poetisch wie alltäglich erscheint, dass Lyrik nicht nur Zustand sondern auch Geschehen ist. Oder wie Zenon auf die Frage, ob denn nichts ruhe, antwortet: Ja, der fliegende Pfeil ruht.